Gastartikel – Fluch oder Segen?

Betreiber von Webseiten mit viel Inhalt kennen sie meistens zur Genüge: Mails und Anrufe von Menschen, die sich nach der Möglichkeit erkundigen, Gastbeiträge auf den jeweiligen Seiten veröffentlichen zu dürfen. Von „Mehrwert für Ihre Leser“  und „hochwertigem Content“ ist dabei oft die Rede. Nicht selten stecken SEOs und Mitarbeiter aus Online-Marketing-Firmen dahinter, die mit solchen Artikeln vor allem eins im Sinn haben: Links für ihre Webseiten oder ihre Kunden aufbauen. Aber das bedeutet nicht, dass Sie als Seitenbetreiber einfach auflegen oder entsprechende Mails einfach löschen sollten. Warum Gastartikel auch für Sie von Nutzen sein können, beschreibt dieser Artikel.

SEO-Schrott oder wirklicher Mehrwert?

Die Erstellung guter Inhalte kostet Zeit – und damit Geld. Grund genug für viele SEOs, auf’s Geratewohl irgendeinen Artikel, der leidlich zum Thema der anvisierten Webseite passt, hinzuklatschen oder bei irgendeiner Texterbude in Auftrag zu geben. Wenn sich der hauseigene Redakteur nicht mit der Materie befassen kann und der angeheuerte Text-Tagelöhner 3 Cent pro Wort verdient: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass dann etwas Brauchbares dabei herauskommt – ein Text also, den der Seitenbetreiber gern und guten Gewissens auf seinem Medium veröffentlicht? Eine rhetorische Frage.

Andere Agenturen jedoch haben genau dies erkannt: Natürlich wird der Seitenbetreiber nur genervt sein und meinen Text ablehnen bzw. sich nicht einmal die Mühe machen, mir überhaupt zu antworten, wenn ich ihm die letzte Wortgrütze andrehen will! Das bedeutet: Wenn ich möchte, dass mein Text (samt Link) veröffentlicht wird, muss ich ihm etwas anbieten, das so gut ist, dass er gar nicht anders kann, als es auf seiner Seite zu veröffentlichen!

Der Mythos: Links nach draußen schaden meiner Seite!

Links zu externen Seiten

Starre Denkweise: Bloß nicht nach außen verlinken!

Aus dem Agenturalltag wissen wir um die Ängste vieler Seitenbetreiber. Antworten wie „Wir haben schlechte Erfahrungen bei der Veröffentlichung von Fremdcontent gemacht“, „Wir müssen uns an die Google-Richtlinien halten und kennzeichnen Gastbeiträge grundsätzlich nur als Advertorials“ oder „Wir verlinken nur auf eigene Projekte“ bekommen wir oft mehrmals pro Woche zu hören. Häufig stecken Unerfahrenheit, Unsicherheit und die unbegründete Angst dahinter, dass es für die eigene Seite schädlich sei, auf andere Webseiten zu verlinken. Derartige Ängste resultieren jedoch meistens nur aus Fehldeutungen von Google-Updates oder vergangenen Abstrafungen. Sicher: Wenn Sie nun von Ihrem Medizinportal mehrfach mit dem Linktext „Viagra günstig kaufen“ auf eine entsprechende Zielseite verlinken, entsteht bei Google der Eindruck, dass Sie diese Links verkauft haben – und hat wahrscheinlich auch Recht damit. Wie sieht es aber aus, wenn Sie ein Gartenportal betreiben und von dort aus einen informativen Artikel über Teichbau auf eine Seite verlinken, auf welcher der Leser eine umfassende Kaufberatung zu Teichfolien und sonstigem Zubehör findet? Welchen Anlass hätte Google, diesen Link negativ zu bewerten und Ihre Seite dafür in irgendeiner Weise zu bestrafen? Gar keinen!

Es ist verständlich, dass Sie als Seitenbetreiber den Besucher möglichst lange auf Ihrer Seite halten wollen. Warum aber sollen Sie ihn nicht ziehen lassen, wenn er anderswo findet, was Sie ihm nicht bieten können? Wenn er sich bei Ihnen umfangreich über den Teichbau informieren konnte und sein Material nun anderswo kauft, weil er es bei Ihnen eben nicht bekommt – was soll daran schlimm sein? Die Chancen, dass er sich über den tollen Content auf Ihrer Seite freut und diesen (nicht selten durch Links, Facebook-Likes, Tweets und so weiter) weiterempfiehlt, stehen im Gegenteil noch besser, wenn er aus dem einen Artikel heraus auch gleich an die richtige Stelle weitergeleitet wurde.

Checkliste für Links aus Gastartikeln

Grundsätzlich sind Links zu externen Webseiten also nichts Schlimmes! Ein paar Regeln, die beherzigt werden sollten, habe ich hier noch einmal aufgelistet.

  • Linkziel prüfen: Die Zielseite sollte thematisch passen – und zwar genau! Im Text, der unmittelbar vor dem Link steht, sollte beschrieben werden, wohin der Link führt. Beispiel: „Wie Sie Adjektive in Texten nutzbringend einsetzen können, erfahren Sie hier!“ Klicken Sie also auf den Link und schauen Sie sich die Seite an, auf die verlinkt wird. Ist diese übersichtlich, informativ und zielgerichtet?
  • Harte Linktexte vermeiden: Harte Linktexte haben sich in der Vergangenheit als potentiell negatives Signal für Google erwiesen. Darüber hinaus wirkt es natürlich komisch, wenn es auf einmal in einem schönen Artikel so auffällig nach Werbung riecht. Wenn Sie also Gastartikel mit Linktexten wie „Hier Strompreise vergleichen“ oder „Teichfolie günstig kaufen“ erhalten, sollten Sie diese einfach anpassen. Die Verwendung der kompletten URL oder auch ein „hier“ oder „unter dieser Adresse“ ist völlig in Ordnung.
  • Sind weitere Links vorhanden? Warum nur einen Link im Artikel verwenden? Der Autor hat sich bei der Erstellung des Artikels bestimmt der einen oder anderen Quelle bedient. Diese sollten auch verlinkt werden! Darüber hinaus sollten interne Verlinkungen zu Zielen auf Ihrer Webseite vorhanden sein. Interne Verlinkungen tun Ihrem Ranking gut und dienen darüber hinaus dem Besucher zur Orientierung. Wenn derartige Links vom Autor bereits eingebaut wurden, ist dies ein positives Signal für Sie: es zeigt, dass er sich im Vorfeld ausführlich mit Ihrer Seite beschäftigt hat.

 

Warum sollte ich Gastartikel bei mir veröffentlichen?

Gratis-Content für Ihre Seite

Die Erfahrung lehrt: Gastartikel können super sein!

Auf diese Frage gibt es gleich mehrere Antworten. Ich fange einfach mal mit der banalsten an:

Weil’s nichts kostet!

Wer einen Gastartikel anbietet, hat ein Ziel: Er möchte seinen Inhalt auf Ihrer Seite publizieren. Dies kann entweder aus Gründen der Reputationssteigerung geschehen (Autorenbox mit Foto) oder, der häufigste Fall, er möchte einen Link von Ihrer Seite auf eine andere Seite „einheimsen“. Ist das schlimm? Durchaus nicht – aber dazu komme ich noch.

Der zweite Grund, warum Sie Gastartikel auf Ihren Seiten veröffentlichen sollten, lautet:

Weil sie einen Nutzen für Ihre Leser haben!

Oder um diese Aussage zu präzisieren: Weil sie einen Nutzen für Ihre Leser haben können. Lieblos hingeklatschter Wortbrei, der nur dazu dient, dem Link auf Seite XY ein Textgewand zu verpassen, nützt Ihrem Publikum natürlich gar nichts und wird wahrscheinlich nur Missbilligung hervorrufen. Aber ein sauber recherchierter und geschriebener Text, der ein Problem aufgreift, es von allen Seiten beleuchtet und die Lösung(en) gleich mitliefert: Was kann es Schöneres geben? Ich sage es Ihnen: Ein sauber recherchierter und geschriebener Text, der ein Problem aufgreift, es von allen Seiten beleuchtet und die Lösung(en) gleich mitliefert, für den Sie nicht einen Cent bezahlen müssen!

Und nun der dritten Aspekt, der die Veröffentlichung von Gastartikeln auf Ihrer Seite befürwortet:

Weil Sie dadurch Ihre Chancen auf gute Rankings erhöhen!

Gute Inhalte werden von Ihren Besuchern und von Google gleichermaßen geliebt und belohnt. Sind Themenrelevanz und Qualität des Gastartikels gewährleistet, erhöhen Sie mit der Veröffentlichung auch die Wahrscheinlichkeit, zu relevanten Suchbegriffen besser gefunden zu werden – ganz so, als würden Sie selbst hochwertige Inhalte produzieren. Die Autorenschaft spielt in diesen Zusammenhang keine Rolle. Und erneut ist dies ein Vorteil, den Sie mit der Veröffentlichung eines Gastbeitrags völlig kostenlos bekommen.

Kriterien für einen guten Gastartikel

gastartikel veröffentlichen oder artikel tauschenIm Folgenden habe ich ein paar Punkte aufgelistet, die für Artikelgeber und -empfänger gleichermaßen von Bedeutung sind, wenn es um Verteilung und Annahme/Ablehnung eines Gastartikels geht.

  • Die Voraussetzung: Nehmen Sie sich eine Minute Zeit und schauen Sie sich die Mail an, auch wenn der Betreff bereits „Anfrage für Gastartikel“, „Artikel für Ihre Seite“ oder einfach nur „Ihre Seite“ lautet. Manchmal wissen die Redakteure es eben nicht besser. Das bedeutet aber nicht, dass der Inhalt der Anfrage per se Müll sein muss.
  • Die Ansprache/der Einstieg: Haben Sie bereits nach den ersten Worten/nach dem ersten Satz den Eindruck, dass sich der anfragende Redakteur/SEO mit Ihrer Seite auseinandergesetzt hat? Kennt er Ihr Alleinstellungsmerkmal, weiß er um die Bedürfnisse und Wünsche, die Ihre Leserschaft hat und spricht er diese direkt in seiner Anfrage an? Dann sind Sie hier schon mal auf einem guten Weg. Beginnt er hingegen mit floskelhaften Gemeinplätzen (“ Sie haben eine schöne Webseite, auf der man viele Informationen findet“), ist hier bereits Papierkorb-Alarm geboten.
  • Das Thema: Werden auf der Basis Ihres vorhandenen Contents konkrete Vorschläge über Inhalte eines Gastartikels unterbreitet? Werden Ergänzungen bereits vorhandener Artikel angeboten, die diese zusätzlich aufwerten (mit Text, aber eventuell auch mit Bildern)? Bietet der Anfragende Expertenwissen zu einem Thema an, welches schwierig zu fassen und zu behandeln ist, nach dem aber eine große Nachfrage besteht? Dann sollten Sie hellhörig bleiben.
  • Artikel sogar schon mitgeschickt? Der Idealfall für Sie: Der Artikel ist sogar schon dabei! Nun sollten Sie sich auch die Mühe machen, sich mit dem Content zu beschäftigen. Sie kennen Ihr Publikum, Sie wissen, wie Sie es ansprechen wollen und was Sie an Inhalten bereits auf Ihrer Webseite haben! Ausgestattet mit diesen Kenntnissen können Sie relativ schnell entscheiden, ob der Artikel etwas für Sie ist – oder eben nicht. Und wenn er Ihnen grundlegend gefällt, Sie das Thema aber ablehnen oder keine Verwendung dafür haben: Warum dann nicht ein gutes Feedback senden und einen anderen Themenvorschlag unterbreiten? Sie werden sich wundern, in wie vielen Fällen Sie einen Artikel erhalten, der auf Ihre Bedürfnisse zugeschnitten ist!

Fazit: Erst lesen – dann entscheiden!

Ich hoffe, ich konnte verdeutlichen, dass ich die unreflektierte Ablehnung von Gastbeiträgen für eine Unsitte halte. Selbstverständlich tue ich das vor allem berufsbedingt – aber gemäß dem Motto „Erst probieren – dann meckern“, halte ich es, gerade weil ich selbst schon viele gute Gastartikel gelesen, veröffentlicht und mitunter auch selbst geschrieben habe, für falsch, diesem Vorgehen einen rigorosen Riegel vorzuschieben. Denn viel zu schnell werden hier aus Angst wertvolle Potentiale für die eigene Webseite schlicht verschenkt! Daher: Machen Sie sich die Mühe und hören Sie zu bzw. lesen Sie, was Ihnen angeboten wird – und bedenken Sie, dass ein Link Ihnen nicht weh tut. :-)

Carsten Wurtmann
Über Carsten Wurtmann (7 Artikel)
In meiner Eigenschaft als Linkanreizer, Projektmanager und Redakteur verstehe ich mich vor allem als kreativer Wortjongleur, der weiß, dass nichts Sinn machen kann und Geräte nur eingeschaltet werden können.
Kontakt: Google+

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